„Buteo“


21243016„Buteo“ Der kleine Mäusebussard

ein Buch für Kinder und Erwachsene

  • Taschenbuch: 168 Seiten
  • Verlag: United P. C. Verlag (12. September 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3854388217
  • ISBN-13: 978-3854388210

Leseprobe

Die schlimme Nacht

„Seit Tagen regnet es schon, und es donnert fürchterlich. Die Kinder werden krank, wenn das Wetter so bleibt!“ Verzweifelt beklagte sich die Bussardmutter beim Vater, während sie ihre drei Küken unter den Flügeln versteckte. Der Bussardvater sah in den Himmel und fragte sich besorgt, was er tun könne, um diesen ewigen Regen abzustellen. Doch ihm fiel nichts Gescheites ein. Dass seine Frau mit einem ihrer Vogelbabys nicht einfach so zum Tierarzt in die Praxis fliegen konnte, das war ihm klar. Man musste dort mit Geld bezahlen, so erzählte man sich unter den Tieren. Doch sie hatten derartiges Geld noch nie gesehen, geschweige denn es besessen.

So wartete er sehnsüchtig auf die Sonne, damit seine Kleinen nicht krank würden, seine Frau sich nicht weiter zu sorgen brauchte und er endlich losfliegen konnte, um Nahrung für die Familie zu besorgen. Sie lebten schon das dritte Jahr in dieser Baumkrone am Rand des dunklen Waldes. Nicht weit weg von ihrem Horst befand sich eine Straße, die sich wie eine Viper durch den Wald schlängelte und zu einem kleinen, idyllischen Dorf führte. Seine Familie und er konnten bei gutem Wetter die wenigen mit Stroh bedeckten Häuser durch die Baumkronen sehen.Ein Blick, manchmal zwei, größer war sein Interesse an den Menschen nicht. Außerdem hörte er oft unter seinen Bussardfreunden, wie böse die Menschen zu sich und der Natur wären. „Das sind die gefährlichsten Raubtiere auf dieser Welt!“, hatte selbst einmal seine Frau, die Bussardmutter, zu den Kindern gesagt und dabei ganz große Augen gemacht, um ihnen Angst vor den Menschen einzuflößen. Es gehörte zum Alltag der Familie, dass die Bussardmutter ihren Kindern jeden Abend eine Gutenachtgeschichte erzählte. Besonderes Augenmerk legte sie dabei auf solche regnerischen Tage wie diesen, um die Kleinen zu beruhigen und sie vom Hunger etwas abzulenken. Wie seine Schwestern, hörte auch Buteo der Mutter immer aufmerksam zu. Am meisten freute sich Buteo aber, wenn der Vater Geschichten erzählte; die waren immer so schön gruselig. Und heute war es wieder soweit. Als der Bussardvater seine Geschichte ankündigte, grinste Buteo vor Freude, legte seine Flügel über der Brust zusammen und machte es sich unter den Flügeln der Mutter bequem. Seine Schwestern hingegen hielten sich die Ohren zu und riefen immer wieder im Chor: „Papa nein, nicht! Das ist viel zu gruselig!“ „Seid still, ihr Angsthasen!“, zischte Buteo seine Schwestern an und lauschte den Worten des Vaters, der längst begonnen hatte zu erzählen: „Es war einmal ein dunkler, dunkler Wald.“ Die Stimme des Vaters war ebenso dunkel wie der Wald und so rau wie das Wetter draußen vor dem Horst. „In diesem dunklen, dunklen Wald war ein dunkles, dunkles Haus!“ Buteos Schwestern schrien auf, als sie das hörten und die Stimme des Vaters dabei noch dunkler und noch rauer wurde. Trotzdem waren sie neugierig und lauschten dem Vater gebannt. „Doch in diesem dunklen Haus war etwas, das noch dunkler war, noch finsterer als die Nacht selbst. Es war ein altes, schwarzes, verwittertes Tischlein mit einer geheimnisvollen schwarzen Schublade. Da kam eine Hand aus dem dunklen Nichts und machte die Schublade auf. Doch sie ging nur zur Hälfte auf, denn in dieser dunklen, schwarzen Schublade war eine dunkle, dunkle Truhe, genauso schwarz und geheimnisvoll wie die Schublade und der Tisch und das Haus. In dieser Truhe aber lag eine ebenso schwarze Schachtel, und darin befand sich ein Brief aus schwarzem Papier, das mit einer goldfarbenen Schrift beschrieben war.“ Der Bussardvater atmete tief ein, riss seine Augen weit auf und rief plötzlich ganz laut: „Habt ihr jetzt Angst?!“ Die Vogelkinder zuckten zusammen und kicherten noch eine Weile darüber, um dann zu Bett zu gehen und sich darauf zu freuen, dieselbe Geschichte morgen Abend nochmal zu hören.Ja, sie glaubten den meisten Geschichten ihrer Eltern und hatten natürlich große Angst vor den Menschen. So blieben die Tiere im Wald und die Menschen im Dorf. Und das Gleichgewicht der Natur blieb erhalten. Manchmal aber verlief sich so ein Mensch im Wald, um Pilze zu sammeln oder vom Alkohol betrunken ins Nachbardorf zu schaukeln. Auch die Tiere statteten dem Dorf ab und an einen Besuch ab, wenn es zum Beispiel zu wenig Nahrung im Wald gab. Sie flogen dann meist nur kurz über die Dächer und schnappten sich auf den Höfen der Bauern den einen oder anderen Brotkrumen. Nur selten gelang es ihnen, eine Maus zu erwischen oder ein Küken. Die Bauern waren da immer sehr auf der Hut und schossen mit ihren Gewehren, wenn sich eines der Waldtiere den freilaufenden Hühnern näherte. So erging es dem Bussardopa, der Oma oder dem Bussardonkel Fredel. Doch die hier ansässigen Bussardfamilien haben daraus gelernt und jagen heute nur noch auf dem Acker. Und da sich die anderen Tiere des Waldes ähnlich verhalten, stellt niemand mehr für den anderen eine Bedrohung dar. Im Grunde genommen war das Wetter der schlimmste Feind der Vögel. Wenn die Federn nass wurden, ließ es sich nur schwer fliegen. Und so hungerten oft viele Vogelfamilien. So, wie Buteos Familie, die bereits den zweiten Tag ohne Futter auskommen musste. Es regnete ohne Unterlass, und das so stark, dass selbst die Füchse in ihrem Bau blieben. Der Wald war düster und kalt und schien in einem tiefen Schlaf zu liegen. „Dieser Hunger! Er macht mich so schwach“, klagte der Bussardvater. „Ich kann kaum noch fliegen, mein Gefieder ist völlig durchnässt. Aber ich muss endlich fliegen, muss jagen und Futter heranschaffen, sonst sterben unsere Kleinen und wir auch.“ Er hüpfte auf den Nestrand und schaute sich um. „Weißt du was, Hera? Ich flieg mal kurz zu der alten Eule im Nachbarbaum, vielleicht weiß sie, wo wir was zu fressen herkriegen.“ Dieser Baum war der älteste im ganzen Wald, und so war es auch kein Wunder, dass dort der älteste Bewohner lebte. Alle nannten sie nur Hexeneule, denn sie war in jungen Jahren einmal mit einem Menschen befreundet gewesen. Sie wusste einfach alles über die Menschen und hatte sich so den Respekt der Waldtiere verdient. Niemand wusste, warum sie wieder in den Wald zurückgekehrt war. Sie lebte allein und war so klug, dass sie keine Freunde fand. Sie beklagte sich über alles: das Wetter, die laut herumtollenden jungen Hasen und über betrunkene Menschen, die nachts zum Nachbardorf zogen, Äste abbrachen und herumschrien. Na ja, sie jagte nur in der Nacht. Und bei diesem Lärm, den die Menschen machten, war ihre Beute meistens ge-warnt. So manche Nacht hatte sie deshalb schon hungrig verbringen müssen. Ja, sie hasste die Menschen und machte kein Geheimnis daraus. Sie mochte niemanden, nicht einmal uns Waldbewohner. Doch half sie immer dort, wo Hilfe gebraucht wurde. Das alles wusste der Bussardvater, als er zum Bau der Eule flog. Kurze Zeit später zischte es gefährlich über dem Horst der Bussardfamilie. Buteo hob erschrocken den Kopf, stellte sich auf seine Greiffüße und starrte über den Nestrand nach oben. Da zischte es nochmal, und es schien ihm, als würde über der Baumkrone ein Luftkampf statt-finden. Um noch besser sehen zu können, beugte er sich noch etwas weiter über den Nestrand und verlor dabei das Gleichgewicht. Buteo fiel aus dem Horst. Und während er zu Boden stürzte, traf ihn ein Ast am Kopf. Auf dem Boden liegend und vom Aufprall leicht benommen dachte er noch, dass er tot und nun im Vogelhimmel sei. Doch das war nur einen Moment lang so, der Schmerz in seinem Kopf meldete sich schnell. Er öffnete die Augen, rieb sich mit einem Flügel die schmerzende Stelle an seinem Hinterkopf und sah stöhnend zum Horst auf, von wo der Rest seiner Familie wieder und wieder nach ihm rief, wo ein Geschrei und Gezeter herrschte, dass ihm das Herz vor Traurigkeit blutete. Doch er konnte nichts tun. Er lag auf dem Waldboden und musste mit ansehen, wie ein großer Vogel sein Zuhause zerstörte und seine Familie immer wieder attackierte. Aber er sah auch seinen Vater, der den Vogel verfolgte und mit ihm auf Leben und Tod kämpfte. Sie flogen hoch in den Himmel und stürzten zurück in die Kronen der Bäume, um sich wenig später erneut in den von Wolken verhangenen, regnerischen Himmel aufzuschwingen. Der Kampf dauerte lange, keiner wollte aufgeben, und der Zorn seines Vaters war groß. Zwischen den schweren Regentropfen, die ihm das eine um das andere Mal in die Augen fielen, versuchte Buteo einen Blick auf den Ausgang des Kampfes zu erhaschen. Da fiel Buteos Vater schwer verletzt vom Himmel auf den Waldboden neben ihn. Einer seiner Flügel war gebrochen und ein Schnabelhieb seines Gegners hatte ihm am Brustkorb eine klaffende Wunde zugefügt. „Es ist nicht so, wie du glaubst“, vernahm Buteo noch eine Stimme aus dem verregneten Himmel und hob sein kleines Köpfchen. „Ich war es nicht gewesen!“ Buteo glaubte, die Stimme der Nacht oder des Mondes zu hören, der sich hinter den dunklen Wolken verbarg. Doch da hatte er sich wohl verhört, denn die Stimme verschwand so schnell, wie sie an sein Ohr gedrungen war. Da drehte Buteos Vater seinen Kopf zu ihm und flüsterte: „Vergiss das dort oben, mein Sohn!“ Seine Flügelspitze wies zum Horst hinauf. „Vergib und vergiss! Werde der König der Lüfte, mein Sohn!“ Buteo legte seinen Flügel auf die Brust des Vaters und spürte den schwächer werdenden Schlag seines Herzens. „Sorge für Gleichgewicht und Gerechtigkeit im Wald! So, wie ich es immer gemacht habe, mein Junge. Ich kann dich nicht mehr beschützen, ich kann dich auch nicht weiter auf deinem Lebensweg begleiten, du musst alles alleine lernen!“ Sein Blick schweifte müde und traurig zugleich durch den Wald. „Die Natur ist so grausam“, fuhr er leise fort und begann etwas Blut zu spucken. „Sorge dafür, dass dein Sohn immer sehr stolz auf dich ist! Pass auf dich auf! Ich lie …“ Des Vaters Augen schlossen sich, sein Atem verging und im Wald herrschte eine seltsame Stille. Selbst die Blätter in den Baumkronen schienen für Buteo weniger zu rauschen. Ihm war, als ob die Welt den letzten Worten seines Vaters, dem größten und stärksten Mäusebussard dieses Waldes, gelauscht hätte. Buteo lag neben seinem Vater, deckte seine Flügel schützend über ihn und weinte bittere Tränen. Sie liefen an seinen Wangen herunter, über die Flügel und fielen an seinen Flügelspitzen sanft auf die offene Wunde seines Vaters. Buteo sah das im trüben Blick seiner Tränen und hoffte irgendwie auf ein heilendes Wunder. Doch es kam keines. Er weinte so lange an der kalten Brust seines Vaters, bis er eingeschlafen war. Ob es Stunden oder Tage gedauert hatte, das wusste er später nicht mehr. Als er aber aufwachte, sah er die Federn seiner Mutter, die ihn noch vor kurzer Zeit so gewärmt hatten und nun am Boden lagen. Sie sahen nicht mehr so schön aus, wie er das von seiner gut gepflegten Mama kannte. Sie waren schwer und nass und schmutzig vom Kampf seines Vaters, sie zu verteidigen. Sie waren aus der Baumkrone gefallen wie die Regentropfen auf sein Gesicht. Er weinte leise und steckte sein Köpfchen unter den leblosen großen Flügel seines Vaters. „Ja, ich werde dich und Mama rächen“, schwor sich Buteo und schloss müde die Augen. Er war traurig und sein kleines Herz sehnte sich nach Ruhe. Alles hatte sich von einer Minute zur anderen geändert. Er war nun allein und lag neben seinem toten Vater, der im Moment des Sterbens noch einen schützenden Flügel über ihn gelegt hatte. Aber als er wieder aufwachte, war er nicht mehr da, wo er vorher eingeschlafen war.